33. Tag: Von Günzburg nach Herrlingen
Das war sehr schlau von mir, als ich im Winter die Tour plante, dass es heute eine Art "Halbetappe" werden sollte, wenn ein Ruhetag, so kurz vor dem Ziel nicht nötig erschien. Doch die 40 km hatten es heute in sich. Vor allem das Wetter und die Hochwasser auf der Strecke machten aus der Halbetappe ein volle.
Schon beim Aufsatteln fing es an zu nieseln. Das konnte man noch ignorieren. Nach dem Frühstück pieselte es, auch nicht beunruhigend, aber auf dem Dammweg entlang der Donau wurde aus dem pieseln ein leichter Regen, der sich nicht mehr ignorieren ließ. Also noch einmal die Regenhose und die Galoschen und den Helmüberzieher raussuchen.
Davor war es jüdisches Landschulheim. Hugo Rosenthal Haus, Martin Buber Haus. Und davor, jetzt wird es interessant, gehörte es der Familie Kantorowicz, genauer gesagt hat das Haus mit Gertrud Kantorowicz zu tun. Sie muss eine sehr beeindruckende Persönlichkeit gewesen, sein, gebildet, kannte Gott und die Welt, war mit Georg Simmel liiert. Sie hatten eine gemeinsame Tochter, Angela. Simmel lehnte es ab sie zu sehen, und verpflichtete Getrud die Vaterschaft zu verheimlichen. Getrud gab Angela zu Pflegeeltern und ließ sich "Patentante" nennen. Erst nach Simmels Tod, holte sie ihre Tochter zu sich und kaufte 1920 in Herrlingen, an der Wipplinger Steige das Haus, das man später dem Kriegshelden Rommel "gab". Hier lebte sie mit ihrer Tochter, übersetzte aus dem Italienischen, betrieb Studien. 1926 zog Angelika nach Heidelberg zum Studium. Daraufhin vermietete Getrud das Haus an die Reformpädagogin Anna Essinger, die dort ein Landschulheim für jüdische Kinder einrichtete. Und wie so oft, wenn ich auf Reisen vor einer "Tafel" gestanden habe, ergibt sich eines aus dem anderen und ich entdecke immer Neues, von dem ich keine Ahnung hatte. Über die Reformschulbewegung der Anna Essinger und ihres Mitstreiter werde ich jetzt nichts erzählen.
Was wurde aus Gertrud Kantorowicz? Sie reiste nach Italien, kam zurück, weigerte sich den Judenstern zu tragen. Setzte sich für verhaftete Juden ein.
Sie hatte eigentlich einen britischen Pass. Doch sie erkannte zu spät, dass es auch für sie gefährlich werden könnte. Im Mai 1942 versuchte sie die Grenze zur Schweiz bei Diepoldsau zu überqueren und wurde verhaftet. Sie kam nach Theresienstadt
"Dort gehörte sie zu den „Standhaften“, die den Schwachen halfen, Mut zusprachen, sich von den unmenschlichen Bedingungen nicht brechen ließen, und sie schrieb auf kleine Papierfetzen ihre Gedichte, die später als Verse aus Theresienstadt veröffentlicht wurden. Eine Woche vor dem Eintreffen der Roten Armee verstarb Gertrud Kantorowicz am 19. oder 20. April 1945 an den Folgen einer Hirnhautentzündung." (Wikipedia)
Angela, die Tochter, hat es bis nach Haifa geschafft, ist dort aber vor ihrer Mutter, 1944 gestorben. Über die näheren Umstände habe ich nichts herausbekommen.
Wenn man die Tafel liest, es werden wenige sein, die das tun, müsste man doch eigentlich auf die Idee kommen, dass es viel sinnvoller wäre, die Wipplinger Steige erneut umzubenennen. Wie wäre es, sie fürderhin Gertrud Kantorowicz Steige zu nennen! Getrud hätte es wahrlich verdient!
Ein wenig weiter oben ist das Haus meines Schwagers Carlheinz. Nach meinen schlechten Erfahrungen mit dem Automatenhotel gestern, bin ich gespannt, ob es heute besser klappt. Carlheinz ist nämlich noch nicht wieder aus Spanien zurück, er sollte heute Abend eintreffen.
Das automatische Einchecken hat dieses mal reibungslos geklappt! Old School eben!
Zum Abendessen bin ich noch einmal die steile Steige runtergelaufen. Gleich am Bahnhof, die Gaststätte hatte ich mir beim Reinfahren gemerkt. Schwäbisch, regional, gut! Da schauen wir doch mal rein: Kleine Speisekarte, schon mal gut. "Saure Kutteln", "Leber mit Kartoffelpü", "Zwiebelrostbraten mit Schupfnudeln", ich bin wieder "drhoim". Und was wird Euer Blogger ausgewählt haben? Genau:
"Lensa ond Spätzle ond Soitawirschdle" Besser geht nicht nach dem heutigen Sh...tag.
Und auch wenn die Herrrrrlingerrr von dr andra Seite von der Alb send, so sind es doch vertraute Klänge.
Ein Werner ist hier halt "dr W_rnr" - Ich sage Euch, diesen Vokal zu beschreiben ist fast unmöglich. Ihr müsst ein ö, aber ein ganz kleines ö nehmen, und dieses gaanz kleine ö so weit in den Hals runter schieben, dass es fast nicht mehr zu hören ist und fast wie ein gaanz kleines i klingt, dann habt ihr den W:rner. Und in der Gaststätte unten am Bahnhof bei Soitawirschdle , Lensa ond Spätzle" habe ich mich mit einem leibhaftigen W:rner unterhalten. Inzwischen bin ich überzeugt, die Schwaben haben mehr Vokale als die Portugiesen - ihr könnt die Unterschiede nur nicht hören!
So jetzt bin ich gestärkt für den heutigen Fußballabend. Wie auch immer er ausgeht.
Ich wünsche uns Allen (ha hah!) einen schönen Fußballabend. Bis Morgen.
Bleibt mir gewogen und schaut Morgen wieder rein.








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