die Karte
Der Frühstücksraum des Wallseehofs brummt wie ein Bienenstock. Die Pension ist ausgebucht mit "geführten Radlern". Das war gestern beim Einchecken schon ersichtlich. Die ganze Rezeption war voll mit Koffern und Taschen. Wie es scheint, ist das fast der einzige Vorteil einer solchen Reise, und dass die Hotels vorgebucht sind. Doch eine Art "Reiseleitung" scheint nicht zu existieren. Die Teilnehmer der Gruppe bekommen keine Informationen über den Zustand der Strecke. Sie haben die Adressen der Unterkünfte, das war es dann auch. So hat unser netter Herr vom Hotel üppig zu tun, unsere Fragen zu beantworten. "Nein, die Schleusenstraße ist gesperrt", und "nein, die Fähren gehen auch nicht...."
Ich habe gestern Abend noch längere Zeit mit Komoot gestritten, der nicht glauben wollte, dass es von Wallsee raus an der Donau keinen befahrbaren Radweg gibt. Dann will er mich richtig in die Berge schicken - oder zu früh wieder runter an den Fluss - und nein, auf die Nordseite will ich auch nicht. "Ich will über Kleinhaag und dann wieder runter an den Fluss.
Auf meiner Karte in Papierform fehlen leider die Höhenlinien. Das waren schon Füchse, die alten Kartographen. Nicht nur schön aussehen, auch sinnvolle Informationen sind wichtig! Soll heißen, es war mir nicht so recht klar, auf welche Achterbahn ich mich auf den ersten 10 km einlasse. Ok, einem schlauen Kartenleser wäre vielleicht aufgefallen, dass Kleinhaag zur Strengberg gehört, und bei einem ehemaligen Deutschlehrer hätten da die Warnblinker angehen müssen. Sind sie aber nicht. Und so, bin ich gleich nach dem Frühstück in den Genuss gekommen, gleich 3 x 20% Steigungen hinaufschieben zu dürfen. Eine Strecke, die Richtung Strengberg, war besonders eklig.

Dafür waren die Ausblicke fantastisch. So lange man nicht weiß, dass es hinter dem Wald vor uns, nicht nur zügig runter geht, sondern auf der anderen Seite, das Dorf in der Ferne, 20% höher liegt. Aber andererseits: ich habe auf der ganzen Reise noch nicht so viele Tiere gesehen, die sich von einem vor sich hin schnaufenden fußläufigen Radler überhaupt nicht stören ließen. Hasen, Fasanen, Rehe. Letztere trabten gemütlich von mir weg, als wüssten sie, dass von dieser Bursche ausreichend mit sich selbst beschäftigt war.
Dann wurde es spannend. Die Annäherung an die Donau. Sollte ich auf überflutete Wege stoßen, müsste ich wohl die 20% Strecken in umgekehrter Reihenfolge wieder hoch. Nicht auszudenken!
Ein wunderbarer Auenwald in der Morgensonne - und fast trocken!!! Ein gutes Zeichen. Und dann die Donau! Und ein hoher Damm! Und dann 2 Radler die mir entgegen kommen! Der Tag ist gerettet.
Aber nur wenige 100m geht es über den Damm. Dann geht es wieder weg von der Donau. Und heute bin ich kein bisschen böse drum. Je weniger ich vom Fluss sehe, desto besser. Gemütlich geht es durch Dörfer, wie Erla und St. Pantaleon, immer schön in der Aue, aber nicht zu nahe am Fluss.
Und dann gab es eine ganz besondere 11:00 Uhr Banane. die 1.000km- sind - erreicht-Banane.
Dass es dann doch noch nasse Füße gab ist eher lustig, als lästig.
Wie tief mag die Pfütze wohl sein? Einfach Schwung nehmen und die Beine hoch? Aber wenn sie doch tiefer ist ? Dann doch lieber verhaltener Schwung! Nicht gut!
Die Pfütze war anständig tief, mein Schwung hat nicht gereicht, so muss ich in die Pedale und die Pedale ins Wasser. Nicht gut.

Erst mal Socken auswringen!
Enns ist ein interessantes Städtchen. Mit einem lebendigen Markt rund um den Turm. Ich trinke einen Kaffee und lasse die Socken in der Sonne trocknen.
Doch auf einmal, - was ist das für ein komischer Geruch? Sollte das Wasser in der Unterführung so gestunken haben? Das können doch meine Socken nicht sein! Zum Glück nicht, direkt hinter mir ist ein Stand, der geräucherte Fische verkauft.
Bei Abwinden wechsle ich dann doch noch die Seite, auf der Südseite türmen sich die Fabrikanlagen.
Die Schleusentore des Kraftwerkes sind alle geöffnet! Was für ein Spektakel, was für ein Lärm!! Sehr beeindruckend,- und beängstigend.
Dafür macht sich der Anblick von gesunkenen Wasserständen im Oberlauf sehr beruhigend.
Je mehr ich mich Linz nähere, desto mehr überlege ich mir, welches wohl die hässlichsten Stadteinfahren meiner bisherigen Reisen waren.
Belgrad? Vukovar? London? Oder Linz?
Spätestens jetzt, - links Hochöfen und die Autobahn, rechts Chemiefabriken und Gleisanlagen - der Radweg mittendrin, ist klar:
LINZ IST DER EINDEUTIGE GEWINNER!!
Ich erinnere mich noch an meine erste Begegnung mit Linz, schon damals ist zwischen uns keine wirkliche Freundschaft entstanden. Viel Geld und nicht immer der beste Geschmack. Aber heute, nehme ich (fast) Alles zurück. Linz hat mitten in der Stadt einen der schönsten Biergärten, die ich bisher kennenlernen durfte.
UND! Ein Gericht hat bisher auf meine Nostalgiereise durch die KuK-Böhmisch-Ungarisch-Mährische Küche gefehlt. "Beischl" hieß es in unserer Familie, "Beuschel" ist wohl die vornehmere Aussprache. Und dieses Beuschel heute, in diesem wunderschönen Biergarten, hatte alles und alles lecker: Herz, Leber, Lunge, Niere, Zunge! Dafür verzeihe ich Linz so manches. Mal sehen, wie die Ausfahrt wird.
Ja, natürlich bin ich nicht nur im Biergarten abgehängt. Ich war auch im Dom Mariä Empfängnis. Ein herber Gemischtwarenladen- Neogotisch. Riesengroß, wahrscheinlich um Wien eins auszuwischen. Die größte Kirche Österreichs ist es geworden, was die Sitzplätze anbelangt. Aber der Stephansdom ist noch nen Ticken höher.
Blöd nur, dass die Sitzplätze derzeit nicht wirklich gebraucht werden. Da ist der Linzer dann wiederum pragmatisch.
Im hinteren "Achtel" haben sie die Sitzplätze weggeräumt und jetzt wird da Theater gespielt. War wirklich spannend. Integratives Theater, habe sie toll gemacht. Aufführung ist aber leider erst am Wochenende.
Und aus einem anderen Teil der Kirche haben sie ein Café mit Außenbereich gemacht.
Wie gesagt, Neogotischer Kitsch, verträgt auch Pseudomodernen Kitsch. Aber immerhin einen Versuch wert, die Räumlichkeiten zu nutzen.
Das wär´s eigentlich für heute. Gleich kommt Fußball. Drückt mir die Daumen, dass es stimmt, dass ich die "romantische Schmiede" in Engelhardszell anfahren kann. Gestern war der Radweg Südseite noch zu. Ich habe vorhin dort angerufen. Sie meinten, es seien Radler heute angekommen. Schaumamal. Noch einen Tag mit Bergankünften muss eigentlich nicht sein.
Gehabt´s Euch wohl! Bis Morgen!
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