26. Tag: Von Engelhartszell nach Vilshofen/Klosterhof Schweiklberg
Von Kloster zu Kloster. Das war soo nicht geplant! Ich schwör! Und wann begreifst Du endlich, dass....berg im Namen darauf hindeutet, dass die Unterkunft auf dem Berg ist! Aber davon später mehr.
Mein Zimmer sah nicht ganz so aus wie das "Prinzessinnenzimmer" aber fast so. Meine Gastgeberin ist ganz mit ihrem Haus verhaftet. Ich muss mir alles anschauen. Die Schmiede, gleich neben dem Eingang ist besonders beeindruckend.
Das Haus ist mehr als 400 Jahre alt 250 in Familienbesitz und bis zum Urgroßvater waren sie alle Hufschmiede, die die Pferde, die die Schiffe auf den Treidelpfaden - hier heißen sie Trippelpfade, den Fluss aufwärts gezogen haben. Mit der Dampfschifffahrt war dieser Beruf hinfällig. "9 Kinder sind wir gewesen, 6 Buben von meiner Tante, und 3 Mädeln von meiner Mama. 14 Personen haben in meiner Kindheit hier gelebt." Da kommt einem das Haus auf einmal gar nicht mehr so groß vor.
Engelhartszell war voll der Überraschungen. Und beim Rausfahren geht es weiter.
Ein solch beeindruckendes Museum für moderne Kunst in - mit Verlaub- in solch einem "Nest"! Unglaublich.
Franz Schütz ist übrigens ein Bauunternehmer. Jede Menge Kies gemacht - um im Branchenjargon zu bleiben. Hat eine Galerie in Wien und eine in Linz gegründet. Warum er das Museum hierhin gesetzt hat, habe ich nicht herausgefunden.
Wie schade, dass es erst um 10:00 Uhr aufmacht. Und gestern hätte ich trappistenhalber eh keine Zeit gehabt.
Dann halt ein andermal.
Der Morgen ist kühl, die Wolken hängen sehr tief.
Eigentlich hatte ich gehofft, dass die Fähre bei Obernzell wieder in Betrieb ist. Es wäre einfacher geworden, auf der anderen Seite nach Passau reinzufahren.
Leider geht immer noch nichts über den Fluss.
Bei Kastenreuth, die erste Straßensperrung des Tages. Hochwasser? Gerade habe ich nachgeschaut. Mitnichten. Einfache Straßensanierung, auch die Fahrradwegzeichen wollen, dass ich in den Hang gehe. Hang ist gut, das ist eine Hammerbergetappe. "Sauwald-Panorama-Strecke" heißt sie auf dem ersten "Aussichtspunkt".
Sauwald! Das trifft diese Strecke sehr treffend. Bei diesem Aussichtspunkt hat, die Bergetappe kaum begonnen. Es geht hoch, und hoch. Immerhin ist beim Oberösterreicher das Prinzip der Serpentinen bereits angekommen, man kann die Steigung fahren, aber müssen es unbedingt 4,5 km hoch sein?
Bei Esternberg ist man dann endlich oben. Und dann geht es 4,5 km wieder satt nach unten, über Mittesternberg und Unteresternberg, 9 km insgesamt, statt ca 4 km am Fluss entlang.
Das war ein knackiger Einstieg in den Tag. Ich finde, ich habe inzwischen das gepunktete Trikot mehr als verdient.
Dass Passau nicht einfach werden würde, war mir klar. Die Hochwassersituation ist hier am Zusammenfluss von Inn und Donau besonders schlimm. Das kam ja auch in den Nachrichten. Es wurde noch komplizierter als ich dachte. Auf keinen Fall sollte es für mich am Südufer weiter gehen. Aber wie geht es über den Inn und dann ans Nordufer und wie dort weiter?
Passau ist einfach ein Hingucker.
Bis dahin lief es noch ganz gut. Doch dann in der Innenstadt, keine Chance auf den Donauradweg, der ist komplett weg.
Wo immer man versucht, sich der Donau zu nähern, das gleiche Bild. Ich frage mich durch. Bis ich auf einen sachkundigen Radler stoße: "Du, musst unbedingt auf die Nordseite, der Weg an der Ausfahrtstraße ist zwar hässlich, aber danach hast Du wieder Radweg."
Hässlich trifft die Sache sehr treffend. 4spurig, aber immerhin ein schmaler "Radweg" abgesetzt von der Fahrbahn. Dann noch zwei Unterführungen und endlich bin ich "draußen".
Und der Matsch beginnt. An dieser Stelle ist nur das Feld weggespült worden, danach war der Radweg für einige Kilometer wirklich gut. Mal ne Pfütze, aber sonst - nichts zu meckern. Bis Schalding ungefähr
Dann war der Radweg und die Straße auf gut 500m unter Wasser. Aber ich bin eine durchaus lernfähige Einheit. Dieses Mal ziehe ich meine Schuhe und Socken aus und radle gemütlich durch das Wasser. Kein Problem. am linken Rand ist es nie tiefer als 20 cm.
Schon erstaunlich, denke ich, dass hier nichts gesperrt ist. Die Radfahrer, die mir nach der "Pfütze" entgegen kommen sind durchaus beunruhigt und fragen, ob man "durchkommt". "Kein Problem, wenn Eure Elektrik wasserdicht ist!"
Tatsächlich ist "auf der anderen Seite" die Straße gesperrt.
Nach Windorf ist das Landsträßchen auch gesperrt. Aber ein netter Einwohner beruhigt mich. Die haben die Straße geteert, die sind fertig, da kannst du ganz gemütlich zur Brücke nach Vilshofen fahren.
Und so war es auch. Dass ich beim Buchen meiner Unterkunft etwas unbedacht war, habe ich schon erwähnt. Das hat mir gut noch einmal 12 Bergwertungspunkte eingebracht. Kloster Schweiklberg war schon von weitem hoch oben auf dem Berg zu sehen.
Meine heutige Unterkunft ist das Gästehaus des Benediktinerklosters "Zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit".
Mein Zimmer ist das offene Fenster im 1. Stock links. Das waren sicher keine Mönchszellen, oder die Benediktiner haben es sehr gemütlich.
Die Kirche, 1909 im Jugendstil gebaut, ist dermaßen uninteressant, dass ich mich nicht entschließen konnte ihr Inneres fotografisch zu dokumentieren.
Vielleicht liegt es daran, dass hier "Missionsbrüder" des Benediktinerordens ausgebildet werden.
Da will man es ihnen vielleicht etwas leichter machen "in die Weite Welt" hinauszuziehen!
Die Klosterschenke rüstet gerade für das Großereignis am morgigen Tag. "Wir haben Morgen eine Priesterweihe! Ja, so arg viel Mönche haben wir hier auch nimmer, sagt die Dame an der Rezeption." Es wäre zu hoffen, dass der "Missionsgedanke" insgesamt, in der Asservatenkammer der Geschichte, abgelegt werden würde", denke ich so bei mir.
Aber immerhin die Terrasse der Klosterschenke hat auf, es gibt zu Essen und zwar lecker!
Sorry, Vilshofen! Deine Altstadt ist bestimmt schnuckelig, aber 2x tue ich mir diese Bergankunft nicht an. Da muss ein kurzer Rundblick im Rausfahren genügen.
Nach dem fast obligatorischen Regen am späten Nachmittag, den ich genüsslich auf der Aussichtsterrasse der Klosterschenke beobachtet habe, scheint nun die Sonne wieder. Zwar habe ich heute keinen so schnuckeligen Balkon wie gestern, dafür aber einen ordentlichen Schreibtisch, wie es sich für eine Studierstube in einem Kloster gehört.
Aber da ich nun mal hier in klösterlicher Einsamkeit vor mich hin meditiere (keine Sorge, ich habe nicht vergessen, dass nachher Deutschland gegen Griechenland spielt) möchte ich noch einmal auf die von mir gestern aufgeworfenen Frage zurückkommen.
Und feststellen, dass die Ausgangsfrage falsch gestellt war. Wir sind nun mal alle miteinander "Erzählende Affen", wir können nicht anders, als uns die Welt gegenseitig in "Erzählungen" zu erklären um in "Geschichten" die Sinnhaftigkeit unseres Tuns bestätigt zu finden (Ihr werdet es geahnt haben, ich bin ein ganz großer Fan von Semira El Oasssil und Friedemann Karig).
Die Frage ist also nicht. Wahrheit oder Geschichten, sondern die besseren Geschichten zu erzählen.
Dass man Geschichten erfindet, um sein Bier besser zu verkaufen, dass eine lange "Geschichte" ein Produkt wertvoller macht, ist nicht das Problem. Das geschieht immer und überall. Wir müssen die "richtigen Geschichten" unterhaltsamer erzählen. Auf dass unsere "erzählenden Mit-Affen" unsere Version besser finden:
Wir brauche viel mehr solcher "geplatzten Mythen", wir brauchen viel mehr solche Geschichten, in denen wir erkennen, wie wir "an der Nase herum geführt werden", mal um was zu kaufen, mal um zu zeigen "wer wie sind". Mal um für unsere "Werte zu kämpfen" - oder zu sterben.
Wir brauchen viel mehr Erzählungen, in denen wir erfahren, dass die Pizza kein italienisches Nationalgericht ist sondern in New York erfunden wurde, dass die Römer nicht die Spaghetti erfunden haben, und dass sie wahrscheinlich auch nicht von Marco Polo aus China mitgebracht worden sind.
"Alles, was ich, als Italiener über italienisches Essen zu wissen glaubte, ist falsch", sagt Alberto Grandi in seine großartigen Buch "Mythos Nationalgericht", das in Italien einen Shitstorm ausgelöst hat. "Experten und Zeitungen sind neidisch auf unseren Geschmack und unsere Schönheit" sagt Matteo Salvini.
Auf lustige Art auseinander nehmen, was die Identitätsbastler als Teil ihrer "nationalen Kultur" zurecht schustern, das gefällt mir. "Unsere Schönheit"- das ist Realsatire, ob sich dabei Matteo selbst meint?
"Wenn AFDler meinen, Henrich Heine sei ein Deutscher Dichter, den sie vereinnahmen könne, dann zeigt das nur, wie Ich weiß nicht, was soll das bedeuten...-strunz dumm diese Diskussion ist.
So jetzt habe ich mich für heute genug in Rage geredet! Liebe "Erzählende Affen"- KollegInnen lasst uns gegenseitig viele neue schöne, lustige richtige Geschichten erzählen!
Aus meiner Klosterstube, im allerehrwürdigsten Kloster Schweiklberg zur "Allerheiligsten Dreifaltigkeit" am siebenten Tage des Brachmondes wünsche ich Euch einen Schönen Abend und eine Geruhsame Nacht.
Bis Morgen!
(gleich fängt das Fußballspiel an!!)

















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